Die Legende von Ole Pinelle

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In der unteren Engelsgrube gab es einst etwas, das heute längst ausgestorben ist: eine Kneipe. Die Lübecker Kneipenszene war schon seit der Jahrtausendwende bereits ausgedünnt, aber dafür sehr übersichtlich.

Die vernichtenden Verordnungen der Corona-Pandemie gaben der Kneipenwelt dazu den Rest. Die Zeiten der Ranzkneipen schienen endgültig vorbei.
Jedenfalls gibt es unten in der Engelsgrube, dort wo der Hafen anfängt, ein altes Haus mit verlassenen Wirtschaft mit angeschlossenem Billard-Zimmer. Räume, die vor Jahrzehnten, Anfang der achtziger Jahre, eine legendäre „Literaten-, Barden- und Klönschnack-Kneipe“ beherbergte. Mit diesem Untertitel warb die heimlich legendäre “Ole Pinelle“, die von Harry Hockauf, einem nicht minder legendären Althippie geschmissen wurde.
Harry kam eigentlich aus Mühlheim, irgendwo im Ruhrgebiet und Harry geriet aus nie näher erläuterten Gründen an die Trave. Dort unten an der Ruhr wurde er geboren, dort wuchs auch dort auf und verbrachte zahlreiche Stunden seiner Jugendjahre gemeinsam mit dem damals noch völlig unbekannten Jazz-Komödianten Helge Schneider. Nach eigener Aussage an einem Stehtisch der örtlichen Eduscho-Filiale.

Ich lernte Harry damals kennen, als ich gerade einmal zehn Jahre alt. Harry leitete da als freie pädagogische Fachkraft die Spielnachmittage der Stadt, die jeden Donnerstag auf der Freilichtbühne in den Wallanlagen veranstaltet wurden. Mein Opa brachte mich dort hin, sass dann mit den Eltern der Anderen auf dem Rang und guckte zu. Opa kannte Harry vom Schriftsteller-Club der Stadt, dem Lübecker Autorenkreis. Harry tauchte dort regelmässig auf und soll mächtige Pläne als Autor gehabt haben. Nur soll daraus nie etwas geworden sein.
Was vielleicht daran lag, dass Harry ganz einfach zu viele Pläne gehabt hat.
Denn Harry war nämlich nicht nur Pädagoge, Wirt, Schriftsteller, Barde, Schauspieler, sondern noch vieles mehr.
Harry war „Kleinkünstler“, so nannte man zu jener Zeit alle Freigeister, die nach sich selbst oder nach alternativen Lebensmodellen für sich auf der Suche sind.

Ein kleiner Mann mit vollem Bart und wilder Frisur, stilvoll gekleidet in der Art französischer Anarchisten. Ein Anarchisterich, wie man sich Erich Mühsam vorstellen würde, was wiederum insofern Sinn machte, da zu Harrys Rezitationsmaterial natürlich auch ausgewählte Werke Mühsams gehörten. Dazu etwas von Ringelnatz und Graßhoff, fertig war Harrys Repertoire für kurzweilige Abende. Er rezitierte und trieb Kabarett, so oft sich die Gelegenheit dazu bot.

Wenn er also nicht gerade hinter dem Tresen stand oder Kinder auf der Freilichtbühne beschäftigte, zog er mit seinen Versen, Zitaten, Aphorismen durch die Lübecker Kulturlandschaft. Und wenn der Hut, der in den Lokalen herumging, nicht genug Geld einholte, dann war sich Harry auch für die Straßenmusik nicht zu schade.
In schlimmsten Zeiten hat sich Harry dazu herab gelassen, eine Truppe von Schülern in der Fußgängerzone zu betreuen, die für Fritz Fey die Werbetrommel rührten. Dabei sollte Drehorgel gespielt und mit Handzetteln auf das Puppenmuseum aufmerksam gemacht werden. Wenn er dann daraus ein ganzes Straßentheater organisiert hat, und es deshalb einigen Anrainer an zu laut war, konnte man ihn auch von einer anderen Seite kennen lernen. Oder wenn einer der Schüler kein Bock hatte, weil er sich gedacht hatte, einfach nur ein paar Handzettel zu verteilen. Dann wurde Harry laut.
Niemand musste Harry die Strasse erklären.

Harry war Literat und auch Barde sowie Klönschnacker. Er hatte ein Talent für Sprache und schuf absurd-erfrischende Sprachschöpfungen wie das „Fahrrad für Arschlöcher“; dem Drahtesel ohne Sattel. Unvergesslich.

Und zu Harry passte natürlich Graßhoff. Fritz Graßhoff, der große Schriftsteller, Texter, Grafiker, Illustrator und Maler, der sich zwischen den großen und kleinen Künsten auch nicht richtig entscheiden konnte und in keine Schublade passte. Und vom Unverständnis der Kritiker entsprechend gewürdigt wurde. Graßhoff gehört noch heute zur winzigen Gruppe der rauen Seemanns-Poeten wie Joachim Ringelnatz oder Gorch Fock und ist insbesondere an der Wasserkante unvergessen für seine Ballade von Ole Pinelle. Einem versoffenen Seemann, der, mit den Priem in der Backe, in einer Wolke von Rum vor der Hafenverwaltungsbaracke sitzt und sein Publikum unterhält.

Und genau dieser Fritz Graßhoff war mit Harry bekannt, vielleicht wollte Graßhoff sich auch einfach nur diese legendäre Lübecker Hafenkneipe, die da nach seinem Helden benannt wurde, einmal selbst ansehen. Wie dem auch sei; 1980 kündigte Harry seinen Gästen in der „Ole Pinelle“ stolz mit, dass der große Fritz Graßhoff mit einer Lesung die Lokalität adeln möchte. Der einzige Haken an der Geschichte: Der Dichter wünscht sich für das Rahmenprogramm den Einsatz eines Shanty-Chores. Denn gab es in Lübeck zwar, nämlich in Besetzung des traditionellen Passat-Chores, doch schien die vom Chor geforderte, übliche Gage in Höhe von rund 2000 Mark eine erhebliche Hürde. Der geistvolle Leseabend schien ins sprichwörtliche Wasser zu fallen; 2000 Deutsche Mark waren 1980 einfach sehr viel Geld, davon konnte man sich sogar schon einen Farbfernseher kaufen. Auf jedenfalls war guter Rat an dieser Stelle verdammt teuer. Selbst an Sponsoren war so auf der Schnelle nicht zu denken – Harry sah in diesem Moment (ähnlich wie damals bei der Entdeckung des sattellosen Rades) eine blitzschnelle, pragmatische Lösung: Selber dichten!

„Wir gründen selbst einen Shantychor! Ihr seid alle mit dabei!“
Diese revolutionäre Forderung ist historisch überliefert und wurde mir von Zeitzeugen unter Eid bestätigt. So fanden sich bei der Entstehung des kuriosen Gründungsmythos des Möwenschiet-Chores alle anwesenden – auch unbeteiligte, zufällige- und Stammgäste – als ordentliche und verbürgte Gründungsmitglieder.
„Dienstverpflichtet“, wie Harry wichtig verkündete und sich darauf spöttisch-lachend schüttelte.
So manch anderen Kneipengästen anderorts, so sei entschuldigend angemerkt, erfahren nach so einer versoffenen Nacht wesentlich unangenehmere Nebenwirkungen, blaue Augen undsoweiter. Es gibt also weiss-Gott Schlimmeres als Chorgründer zu werden.

Der Grashoff-Abend wurde jedenfalls ein großer Erfolg, eine „runde Sache“, wie man an der Küste sagt, und der raue Schriftsteller soll von der Gründungsgeschichte des ihn begleitenden Chores derart gerührt gewesen sein, dass er auf der Stelle eine Patenschaft für die Chorknaben übernommen haben soll. Graßhoff soll „seinem Chor“ angeblich noch ein eigenes Lied, eine exklusive Hymne versprochen haben. Wurde nichts draus, das angebliche versprechen sollte oder konnte nicht eingelöst werden.
Kurze Zeit später wanderte der Dichter jedenfalls nach Kanada aus, kein Chor der Welt hätte ihn davon abbringen können.
Frustriert und beleidigt darüber, dass man den Schriftsteller in Deutschland hauptsächlich als Texter seiner Songs und Schlager schätze, die er unter anderem für Hans Albers, Lale Andersen und Freddy Quinn textete. Graßhoffs Balladen kannten hingegen höchstens Kenner, seine Jazz-Lyrik-Events mit Schlagzeugbegleitung waren eher für Fachleute.
Enttäuscht, dass vom Romanerstling „Der blaue Heinrich“ niemand Notiz nahm, zog er das selbsterwählte Exil in Kanada vor, fern vom bundesdeutschen Literaturbetrieb.
Grasshoff verbrachte die letzten 14 Jahre bis zu seinem Tod im eigenen Haus, auf einem weiten Grundstück, direkt am Ottawa-River.
Und der Nachlass des universellen Künstlers Fritz Graßhoff soll bis heute nicht erschlossen sein. Darunter haufenweise Notizen, unter Umstände ungesicherte Tagebücher von 1980.

Von Harry Hockauf habe ich aber nichts mehr gehört und gesehen.
Dabei fällt mir ein, dass von Harry immerhin den Möwenschiet-Chor bleibt, den gibt es heute noch. Nicht mehr als Kneipenveranstaltung, sondern als richtiger Chor. Es heißt, dass der Möwenschiet-Chor in derselben Liga mit dem Passat-Chor singt.
Habe ich mir jedenfalls sagen lassen.
Was dann noch von Harry bleibt ist eine Filmsequenz aus dem, unterschätzten Stimmungsfilm „Söpsch – Showdown eines Trinkers“ von Eckhard Blach und Stefan Schlippe und mit Günter Hutsch und Volkmar Bendig in den Hauptrollen. Harry gibt in diesem Film von 1993 mit zwei weiteren Existenzen einen Stehstammtrinker. Gedreht wurde am alten Kiosk an der Dankwartsbrücke, am „Malerwinkel“ vor der alten Kohlenhandlung. Gibt es heute nicht mehr, Kiosk und Kohlenhandlung sind weg, da stehen jetzt Wohnkomplexe für Besserverdienende.
Die „Ole Pinelle“ hat längst zu gemacht und ist vergessen.
Ole Pinelle, der poetische, trinkende Seemann aus dem Moritat von Fritz Grasshoff bleibt jedoch und wird nicht nur mich an Harry erinnern. Und weil es heißt, dass Grasshoff und Harry Freunde gewesen sind, könnte es doch sein, dass der Schriftsteller bei der Gestaltung seiner Figur seinen Freund als lebendiges Vorbild nahm.
Das kann so stehengelassen lassen.

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Günter Brochens
Günter Brochens
Gast
Februar 11, 2021 13:36

Ich kannte Harry. Das Fahrrad für Arschlöcher war aber noch unbekannt. Danke dafür.

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Februar 24, 2021 22:27

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